Cluster · Barrierefreiheit 9 Min. Lesezeit Adrian Ploß

Barrierefreies PDF: Welche Ihrer Dokumente Sie wirklich umstellen müssen

Zweihundert Datenblätter barrierefrei machen? Das wäre teuer — und in den meisten Fällen unnötig. Dieser Leitfaden sortiert zuerst, welche Dokumente das BFSG überhaupt erfasst, und zeigt dann, was PDF/UA konkret verlangt, wann eine Webseite die bessere Antwort ist und wie Sie aus Word und InDesign so exportieren, dass die Struktur erhalten bleibt.

Der Anruf kommt meistens so: „Wir haben gehört, unsere PDFs müssen jetzt auch barrierefrei sein — wir haben aber zweihundert Datenblätter." Dahinter steckt ein echtes Problem und ein Missverständnis. Das echte Problem: Für ein gescanntes Altdokument ohne Quelldatei ist die Umstellung teuer. Das Missverständnis: Dass alle zweihundert überhaupt betroffen wären.

Dieser Artikel dreht die Reihenfolge deshalb um. Erst wird sortiert, welche Dokumente überhaupt umgestellt werden müssen — dann geht es um die Umsetzung. Den rechtlichen Rahmen dazu liefert der Pillar Barrierefreie Website: Was das BFSG verlangt; hier geht es um den Sonderfall Dokument.

Was ein PDF barrierefrei macht

Ein barrierefreies PDF ist ein Dokument, dessen Struktur maschinell lesbar ist. Optisch kann es identisch aussehen wie ein normales PDF — der Unterschied steckt darunter. Der internationale Standard heißt PDF/UA (Universal Accessibility) und wird in Deutschland über die Norm EN 301 549 verbindlich, auf die das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz verweist.

Fünf Eigenschaften entscheiden:

  • Tags. Jeder Inhalt ist ausgezeichnet: Das hier ist eine Überschrift zweiter Ordnung, das eine Liste, das eine Tabellenzelle. Ohne Tags sieht ein Screenreader nur eine Wand aus Zeichen.
  • Lesereihenfolge. Bei mehrspaltigen Layouts steht sie nicht automatisch fest. Ohne festgelegte Reihenfolge springt die Vorlesefunktion mitten im Satz in die Nachbarspalte.
  • Alternativtexte. Jede informationstragende Grafik braucht eine Beschreibung. Ein Schnittzeichnung mit Maßen ist kein Dekobild.
  • Echte Tabellen. Mit ausgezeichneten Kopfzeilen — sonst ist ein Maßtabelle eine Zahlenreihe ohne Bezug.
  • Dokumentsprache und Titel. Zwei Felder in den Eigenschaften, die fast immer leer sind und ohne die kein Vorleseprogramm weiß, in welcher Sprache es sprechen soll.

Der häufigste Fall in der Praxis erfüllt keinen einzigen dieser Punkte: das eingescannte Datenblatt. Es ist ein Bild einer Seite — für ein Hilfsmittel schlicht leer.

Welche Ihrer PDFs überhaupt betroffen sind

Hier liegt der Hebel, und hier schweigen die meisten Ratgeber. Das BFSG erfasst Dokumente nicht pauschal, sondern dann, wenn sie Teil einer Dienstleistung für Verbraucher sind — Verträge, Rechnungen, Formulare, Produkt- und Serviceinformationen im Endkundengeschäft. Ein reines B2B-Angebot fällt nicht darunter, und Kleinstunternehmen sind bei Dienstleistungen ausgenommen. Die Einordnung im Einzelfall gehört zu einem Anwalt; die Sortierung können Sie selbst vornehmen.

Sortieren Sie Ihren Bestand in drei Stapel:

  1. Erfasst. Alles, was ein Endkunde im Rahmen einer Dienstleistung bekommt: Auftragsbestätigung, Rechnung, Widerrufsformular, Bedienungsanleitung für Privatkunden.
  2. Nicht erfasst, aber sichtbar. Datenblätter für Fachplaner, Montageanleitungen für Verarbeiter, Zertifikate und Leistungserklärungen. Rechtlich außen vor — aber es sind oft genau die Dateien, die am häufigsten heruntergeladen werden.
  3. Altlast. Dokumente, die seit Jahren niemand mehr abruft. Für diesen Stapel gibt es eine bessere Antwort als Umstellen, siehe unten.
Praxis-Tipp

Bevor Sie irgendein Angebot einholen: Schauen Sie in Ihre Zugriffszahlen, welche PDFs im letzten Jahr tatsächlich abgerufen wurden. In fast jedem Projekt stellt sich heraus, dass eine Handvoll Dateien den Großteil der Downloads ausmacht und der Rest seit Jahren unberührt liegt. Diese eine Auswertung entscheidet über die Größenordnung des ganzen Vorhabens.

Die Alternative, über die selten jemand spricht

Für den zweiten und dritten Stapel ist die ehrlichste Lösung oft gar kein barrierefreies PDF, sondern gar kein PDF. Ein Datenblatt als echte Webseite ist von Haus aus zugänglicher, lädt schneller, funktioniert auf dem Smartphone ohne Zoomen — und wird von Google vollständig indexiert, was bei PDFs nur eingeschränkt gilt.

Der Nebeneffekt wird regelmäßig unterschätzt: Aus einer Datei, die niemand findet, wird eine Seite, die für konkrete Produktbegriffe rankt. Wer ohnehin über Sichtbarkeit nachdenkt, löst hier zwei Aufgaben mit einem Schritt. Für Betriebe aus Industrie und Produktion mit umfangreichen Produktkatalogen ist das meist der wirtschaftlichere Weg.

PDF bleibt richtig, wo das Dokument zum Ausdrucken, Unterschreiben oder Archivieren gedacht ist — Angebote, Verträge, Formulare, Prüfzeugnisse. Dort führt kein Weg an PDF/UA vorbei.

Richtig exportieren statt nachträglich reparieren

Die teuerste Variante ist, ein fertiges PDF im Nachhinein zu taggen. Deutlich günstiger ist ein sauberes Quelldokument, aus dem die Struktur einfach mit exportiert wird.

Aus Word funktioniert das erstaunlich gut, wenn zwei Dinge stimmen: Überschriften sind als Formatvorlagen gesetzt (nicht nur fett und größer), und Bilder haben einen Alternativtext. Beim Speichern muss „Dokumentstrukturtags für Barrierefreiheit" aktiv sein — die Option ist standardmäßig gesetzt, wird aber beim Drucken als PDF übergangen. Word bringt außerdem eine eigene Barrierefreiheitsprüfung mit.

Aus InDesign ist mehr Vorarbeit nötig: Absatzformate müssen den PDF-Tags zugeordnet, die Artikel-Reihenfolge festgelegt und Alternativtexte an den Objekten hinterlegt werden. Dafür ist das Ergebnis reproduzierbar — die nächste Katalog-Ausgabe erbt die Struktur. Wer regelmäßig Kataloge oder Mappen produziert, sollte diese Einrichtung einmal sauber machen lassen; genau dieser Bereich gehört bei uns zu Visual Content.

Für Bestandsdokumente gilt die unangenehme Wahrheit: Existiert die Quelldatei nicht mehr, ist Nachbearbeiten in Acrobat oft aufwendiger als ein Neuaufbau.

Selbst prüfen — in zehn Minuten

  1. Der Kopiertest. Text markieren, kopieren, in einen Editor einfügen. Kommt nichts oder Zeichensalat, ist das Dokument ein Scan ohne Textebene — alles Weitere erübrigt sich.
  2. Die Dokumenteigenschaften. Sind Titel und Sprache gesetzt? Zwei Felder, die in geschätzt jedem zweiten Unternehmens-PDF leer sind.
  3. Die Vorlesefunktion. Adobe Acrobat kann laut vorlesen. Springt die Stimme sinnvoll durch die Seite oder chaotisch? Das prüft die Lesereihenfolge schneller als jedes Werkzeug.
  4. Die Prüfwerkzeuge. Acrobat bringt eine Barrierefreiheitsprüfung mit; für den verbindlichen PDF/UA-Abgleich gibt es den kostenlosen PAC (PDF Accessibility Checker).

Wie bei Websites gilt auch hier: Ein automatischer Test deckt nur einen Teil ab. Ob ein Alternativtext das Bild wirklich beschreibt, kann kein Programm beurteilen.

Der Aufwand — und was ihn treibt

Eine Pauschale pro Seite ist unseriös, weil derselbe Umfang je nach Ausgangslage um ein Vielfaches auseinandergeht. Drei Fragen bestimmen den Preis: Gibt es die Quelldatei noch? Wie komplex ist das Layout — Fließtext oder mehrspaltige Tabellenwüste? Und wie viele Dokumente sind es nach der Sortierung oben wirklich?

Wer die drei Antworten hat, kann Angebote vergleichen. Wer sie nicht hat, bekommt Zahlen, die nichts bedeuten. Dieselbe Logik gilt für jedes Digitalprojekt — ausführlich im Leitfaden Lastenheft erstellen. Steht ohnehin ein Website-Relaunch an, ist das der richtige Moment: Dann wird der Dokumentenbestand einmal durchgesehen, statt ihn ein zweites Mal mitzuschleppen.

PDFs in Ausschreibungen

Ein Punkt, der im Mittelstand zunehmend praktisch wird: Öffentliche Auftraggeber verlangen bei Ausschreibungen immer häufiger barrierefreie Unterlagen. Für öffentliche Stellen gilt mit dem Behindertengleichstellungsgesetz und der BITV ein strengerer Maßstab als für private Unternehmen — und dieser Anspruch wandert über die Vergabeunterlagen zu den Bietern weiter.

Wer regelmäßig an Ausschreibungen teilnimmt, sollte deshalb mindestens seine Angebotsdokumente und Referenzmappen im Griff haben. Das ist kein Rechtsrisiko, sondern ein Ausschlusskriterium — und es fällt erst auf, wenn die Frist läuft. Schreiben Sie die Anforderung in Ihre Vorlagen, nicht in eine Aufgabenliste.

Die fünf Fehler, die wir in Bestands-PDFs am häufigsten finden

Wenn wir einen Dokumentenbestand durchsehen, wiederholen sich dieselben Punkte — unabhängig von Branche und Alter der Dateien:

  1. Der Scan ohne Textebene. Klassiker bei Zertifikaten und Prüfzeugnissen: Das Original kam als Papier, wurde eingescannt und hochgeladen. Für Hilfsmittel ist die Datei leer — und für Google unsichtbar, was der Sache einen zweiten, rein wirtschaftlichen Nachteil gibt.
  2. Überschriften, die nur groß und fett sind. Optisch eine Gliederung, technisch Fließtext. Damit verliert das Dokument jede Navigierbarkeit — bei einer vierzigseitigen Montageanleitung ist das der Unterschied zwischen brauchbar und unbenutzbar.
  3. Maßtabellen ohne Kopfzeilen-Auszeichnung. Gerade im technischen B2B der teuerste Fehler, weil die Tabelle oft der eigentliche Inhalt ist. Ohne Zuordnung liest ein Screenreader eine Zahlenkette ohne Bezug vor.
  4. Leere Dokumenteigenschaften. Kein Titel, keine Sprache. Zwei Felder, zwei Minuten Arbeit — und in geschätzt jedem zweiten Unternehmens-PDF unausgefüllt.
  5. Der Katalog als ein einziges Bild pro Seite. Kommt vor, wenn aus dem Layoutprogramm heraus „für den Druck" exportiert wurde. Solche Dateien sind nicht reparabel, sie müssen neu exportiert werden — was wiederum nur geht, wenn die Quelldatei noch existiert.

Auffällig ist, dass keiner dieser Fehler mit dem Inhalt zu tun hat. Es sind Export- und Ablage-Gewohnheiten, die vor Jahren entstanden sind. Das ist die gute Nachricht: Wer den Export einmal richtig einrichtet, produziert ab dann automatisch brauchbare Dokumente — und muss nicht jedes Jahr nachbessern.

Häufige Fragen zu barrierefreien PDFs

Was ist ein barrierefreies PDF?

Ein PDF, das Hilfsmittel wie Screenreader korrekt auslesen können. Technisch heißt das: getaggte Struktur statt loser Textblöcke, eine festgelegte Lesereihenfolge, Alternativtexte für Bilder, ausgezeichnete Tabellen und beschriftete Formularfelder. Der internationale Standard dafür heißt PDF/UA — Universal Accessibility.

Sind barrierefreie PDFs für mein Unternehmen Pflicht?

Nur wenn das Dokument Teil einer Dienstleistung für Verbraucher ist — etwa Vertrag, Rechnung, Formular oder Produktinformation im Endkundengeschäft. Reine B2B-Unterlagen fallen nicht darunter, Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen ebenfalls nicht. Ein Datenblatt für Fachplaner ist etwas anderes als eine Bedienungsanleitung für Endkunden.

Wie erkenne ich, ob ein PDF barrierefrei ist?

Ein erster Anhaltspunkt: Markieren Sie den Text und kopieren Sie ihn in einen Editor. Kommt Kauderwelsch oder gar nichts, ist das Dokument ein gescanntes Bild ohne Textebene — dann ist es sicher nicht barrierefrei. Für die belastbare Prüfung gibt es die Barrierefreiheitsprüfung in Adobe Acrobat und das kostenlose Werkzeug PAC.

Ist HTML besser als ein barrierefreies PDF?

In vielen Fällen ja. Eine HTML-Seite ist von Haus aus zugänglicher, lädt schneller, funktioniert auf dem Smartphone und wird von Google indexiert — ein PDF nur eingeschränkt. Wenn ein Dokument nicht zwingend als Datei zum Ausdrucken oder Archivieren gebraucht wird, ist der Umbau zur Webseite oft die günstigere und bessere Lösung.

Was kostet es, ein PDF barrierefrei zu machen?

Das hängt vor allem daran, ob das Quelldokument noch existiert. Aus einer gepflegten Word- oder InDesign-Datei ist der Export mit etwas Nacharbeit machbar. Ein gescanntes Altdokument ohne Quelle muss praktisch neu aufgebaut werden. Deshalb lohnt sich vor jedem Angebot die Frage, welche Dokumente überhaupt umgestellt werden müssen.

Konkret werden

Unklar, welche Dokumente
Sie umstellen müssen?

In 30 Minuten gehen wir Ihren Dokumentenbestand durch und sortieren ihn in die drei Stapel aus diesem Artikel. Danach wissen Sie, über wie viele Dateien wir reden — und bei welchen sich eine Webseite mehr lohnt als ein barrierefreies PDF. Kostenlos und unverbindlich.

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